Ressourcen-Pooling für eGovernment Projekte
Freie Software für das föderale Land
In der März-Ausgabe wurde die weitgehend ablehnende Haltung gegenüber
«Open Source»-Anwendungen beschrieben. Als Replik dazu der Fachbeitrag
eines Fachmanns, der bei der Entwicklung von freien Anwendungen
erfolgreich mit Gemeinden und Städten zusammenarbeitet.
Von Bernhard Bühlmann, Gründer und Geschäftsführer der 4teamwork GmbH in Bern
Von Basel über Bern nach Innertkirchen und in die ganze Welt: So
verlief die Reise des frei zugänglichen Content Management System (CMS)
«Plone». Begonnen hat sie beim Statistischen Amt des Kantons
Basel-Stadt. Hier wurde vor drei Jahren eine Intranetlösung sowie einen
Webauftritt, basierend auf dem Open-CMS, realisiert. Die dabei
entstandenen Komponenten konnten für den Webauftritt der Stadt Bern
(www.bern.ch) wieder verwendet und zugleich verbessert werden. Von
diesen Verbesserungen profitierte wiederum Innertkirchen
(www.innertkirchen.ch) am Fusse von Grimsel und Susten. In dieser
Gemeinde konnte deshalb für ein sehr kleines Budget ein professioneller
und einfach zu wartender Webauftritt realisiert werden.
Die dabei entstandene Software-Komponente «BernArticle» wurde von
unserer Firma gemeinsam mit der Universität Bern für die freie
Veröffentlichung via Internet vorbereitet. Wenige Tage danach ist die
Benutzerschnittstelle bereits auf Dänisch und Spanisch übersetzt
worden. Kurz darauf hat ein deutscher Plone-Dienstleister das erste
Projekt basierend auf BernArticle im nördlichen Nachbarland in Angriff
genommen. Und schon schliesst sich der Kreis wieder: Von den
Verbesserungen der Software, die inzwischen von der Open-Community
vorgenommen werden, profitieren insbesondere die Initianten in Basel,
Bern und Innertkirchen. Auch ihnen stehen die verbesserten
CMS-Versionen kostenlos zur Verfügung.
Bund und Kanton: Mit Open Source zum Ziel
Ein ähnliches Entwicklungs-Modell wird bei der Software für eine frei
verfügbare Dossierverwaltung angestrebt. Basis ist abermals die
Open-Source-Anwendung «Plone», wobei das Projekt «PloneGov» diesmal vom
Informatikstrategieorgan Bund und vom Kanton Basel-Stadt initiiert
wurde. Gemeinsam entwickeln diese beiden Organisationen zusammen mit
privaten Dienstleistern einen Prototyp für die elektronische
Dossierverwaltung. Ziel soll sein, ein einfaches und robustes System zu
entwickeln, das frei verfügbar ist und somit weiterentwickelt und
gewartet werden kann. Gleichzeitig wird versucht, die Standardvorgaben
von eCH umzusetzen.
Nur: Die Software wird nicht von Grund auf neu entwickelt. Dazu wäre
nach Schätzungen mit einem Aufwand von 70 Personenjahren zu rechnen.
Vielmehr wurde eine geeignete Architektur evaluiert, welche sich mit
möglichst geringem Aufwand zu einem Dossierverwaltungssystem ausbauen
lässt.
Projekte erfolgreich abgeschlossen
Die Schweiz hinkt bei Open Source hintennach. In Deutschland,
Brasilien, Frankreich, Neuseeland und England haben sich frei
zugängliche Anwendungen für die Realisierung von E-Government-Projekten
bereits etabliert. Hierzulande setzen viele Organisationen aber immer
noch auf bekannte Grössen wie SAP, Oracle und andere Labels. Dennoch
haben einige Organisationen der öffentlichen Verwaltung und
Non-Profit-Organisationen in der Schweiz den Vorteil von
Open-Source-Lösungen erkannt und Projekte erfolgreich abgeschlossen.
Dazu gehören neben Bern und Basel unter anderen auch die ETH Zürich,
die Kantone Solothurn und Bern sowie die Gemeinde Innertkirchen
(innertkirchen.ch), Amnesty International und die UNO.
Es gibt verschiedene Business-Modelle für Open-Source-Lösungen im Schweizer E-Government-Markt:
- Modell 1: Ein privater Dienstleister wird zur Realisierung einzelner Projekte beigezogen. Bei diesem klassischen Auftragsverhältnis wird eine vom Kunden vorgegebene Problemstellung von einem Open-Source-Dienstleister umgesetzt.
- Modell 2: Die Projekte werden vom Dienstleister und Kunden gemeinsam realisiert. Der Quellcode wird in einem gemeinsamen Code-Repository erstellt. Durch die gemeinsame Entwicklung profitieren beide Parteien vom Resultat.
- Modell 3: Es wird eine gemeinsam genutzte Architektur entwickelt. Bei diesem Modell werden Ressourcen von verschiedenen Organisationen zusammengelegt, um in einem gemeinsamen Projekt E-Government-spezifische Erweiterungen zu realisieren.
Das ist nämlich ein Nutzen von Open-Source-Projekten: Kunden können in
den Entwicklungsprozess einen viel grösseren Einfluss nehmen, weil in
der Regel Änderungen am System viel einfacher vorgenommen werden
können, als dies bei kommerzieller Software der Fall ist. Wird ein
zusätzliches Feature dringend benötigt, so kann dies mit einem gewissen
Mehraufwand unmittelbar in die Software eingebaut werden. Beim
kommerziellen System muss in der Regel auf die Erscheinung des nächsten
Releases gewartet werden. Ausserdem sind bei vielen kommerziellen
Anwendungen individuelle Anpassungen sogar unmöglich.
Auch bei den Kosten stehen Open-Source-Produkte gut da: Es entstehen
keine Lizenzgebühren. Für gewisse Produkte können aber Supportverträge
mit kommerziellen Dienstleistern abgeschlossen werden. Ausserdem
garantieren Open-Source-Lösungen einen Investitionsschutz. Sie können
nicht vom Markt verschwinden. Im schlimmsten Fall werden sie allenfalls
nicht mehr weiterentwickelt. Dem Kunden bleibt aber die Möglichkeit,
die OS-Lösung selber weiterzuentwickeln.
Bei der Durchführung von E-Government-Projekten mit
Open-Source-Software gelten im Übrigen die gleichen Regeln wie bei der
Verwendung von kommerzieller Software.

